Pro Arbeit Sozial 2016

Pro Arbeit Sozial 2016:  „Arbeit statt Drogen“

„Wir brauchen Projekte, die mit Alltag und Arbeit zu tun haben“

Die diesjährige Pro Arbeit Sozial beschäftigte sich mit dem Thema „Arbeit statt Drogen“

„Intelligente Vernetzung von Suchthilfe und Arbeitslosenhilfe“ – diesen Titel trug die diesjährige „Pro Arbeit Sozial“ in Stuttgart. Er weist auf ein verändertes Denken in der Suchthilfe hin. Früher ging man die notwendigen Schritte nacheinander: Zuerst sollte der oder die Suchtkranke stabilisiert und geheilt werden.

Im nächsten Schritt sollte er oder sie durch geförderte Beschäftigung wieder ins Arbeitsleben eingegliedert und am Ende möglichst auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden. Dieses Denken von hintereinandergeschalteten Hilfen wird inzwischen abgelöst durch ein Denken in vernetzten Hilfen. Grund: Es hat sich gezeigt, dass sinnvolle Beschäftigung eine wichtige, oft sogar die entscheidende Motivation für die Betroffenen ist, eine Therapie anzufangen und durchzuhalten.
 

Auf der Pro Arbeit Sozial befürworteten deswegen alle die Vernetzung von Sucht- und Arbeitslosenhilfe. Allerdings zeigte sich auch immer wieder, wie schwierig sie in der Praxis umzusetzen ist. „Ich habe mich gefragt, ob jemand vom Wirtschafts- oder vom Sozialausschuss herkommen soll“, machte etwa die Stuttgarter Gemeinderätin Beate Bulle-Schmid (CDU) das Problem deutlich, dass Arbeits- und Suchthilfen in der Verwaltung bis heute getrennt sind.

Arbeitskreis „Arbeit statt Drogen“ soll wiederkommen

300 Interessierte kamen zur „Pro Arbeit Sozial“Ein wichtiges Ergebnis konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Pro Arbeit mitnehmen: Der „Arbeitskreis Arbeit statt Drogen“ soll wiederbelebt werden. Er besteht aus den Trägern der Ambulanten Suchthilfe, der Arbeitslosenhilfe, dem Gesundheits- und Sozialamt, der Arbeitsförderung der Stadt Stuttgart sowie dem Jobcenter. Der Arbeitskreis kann als Plattform für die Vernetzung dienen. „Wir sollten dazu einen gemeinsamen Antrag formulieren. Es ist wichtig im Dialog zu bleiben“, so Beate Bulle-Schmid. „Kommunikation ist wichtig“, stimmte Petra Rühle (Bündnis 90 / Die Grünen) zu. „Man muss flexibel bei der Suchthilfe sein. Wichtig ist die intensive Vernetzung. Man muss auch die langfristige Suchthilfe besserstellen.“ Hans-Peter Ehrlich, Gemeinderat der SPD, meinte, man könne das bestehende System weiterentwickeln. „Intelligente Systeme sind selbstlernend. Die Politik muss auch zuhören.“ Neben Fachleuten, so der Vorschlag, müssten auch die Betroffenen, die IHK oder die Rentenversicherung in den Arbeitskreis einbezogen werden.

In der Diskussion skizzierten die Vertreter der Suchthilfe ihre Wünsche. Man brauche flexible Angebote „von hochwertigen Ausstiegshilfen bis zu niederschwelligen Eintrittsmöglichkeiten“, so Thomas Weidle vom Caritasverband Stuttgart. Ein anderes Problem sei die geforderte „Wettbewerbsneutralität“: „Je sinnstiftender ein Projekt, desto weniger wettbewerbsneutral. Das muss politisch diskutiert werden. Wir brauchen Projekte, die mit Alltag und Arbeit zu tun haben.“ Auch in finanzieller Hinsicht lohne sich „Arbeit statt Drogen“, so Weidle: „Ein Jahr stationärer Aufenthalt kostet 25.000 Euro. Ein Jahr ‚Arbeit statt Drogen‘ kostet 5000 Euro.“ Sascha Lutz von der Evangelischen Gesellschaft wies daraufhin, dass die Betroffenen eine ununterbrochene und langfristige Hilfe brauchen: „Es geht auch um die Qualität der Vernetzung. Was machen die Brüche in der Förderung mit den Menschen, die in ihrem Leben Brüche erlebt haben?“ Deswegen bräuchten auch die Träger der Sucht- und Arbeitshilfe eine Perspektive.

Die Projekte wirken sich positiv aus – auf alle

Protestschilder forderten eine bessere Unterstützung für SuchtabhängigeIn mehreren Vorträgen wurde die Vernetzung von Sucht- und Arbeitshilfen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Armin Markmeyer vom Kulturwerk zeichnete noch einmal die Geschichte von „Arbeit statt Drogen“ nach. Das Projekt sei geschaffen worden, um ein differenziertes Angebot für die heterogene Gruppe der Betroffenen zu haben, so Markmeyer. „Arbeit wurde als sinnstiftendes Mittel betrachtet, um die Krankheit zu überwinden und den Ausstiegsprozess zu beginnen.“ Die 2009 durchgeführte Evaluation habe die positiven Effekte aufgezeigt, sowohl für die Betroffenen wie für die Gesellschaft. Tina Hofmann vom Paritätischen Gesamtverband wies darauf hin, dass bei der Erkennung von Suchterkrankungen noch nachgebessert werden kann: „Die Jobcenter sehen nur die Spitze des Eisbergs.“ Hofmann zeichnete auch die augenblicklichen Gesetzesvorhaben nach. Es gäbe punktuell neue Möglichkeiten, aber „noch immer ist eine Lobby für die Betroffenen nötig, besonders in den Kommunen.“ Elisabeth Dongus von der Sozialhilfeplanung der Landeshauptstadt Stuttgart zeigte unter anderem, welche Abhängigkeiten die Suchtkranken in Stuttgart haben. So sind Alkohol (38 Prozent) sowie Opioide und Cannabis (je 15 Prozent) die häufigsten Drogen, 17 Prozent der Betroffenen sind mehrfach abhängig. 1989 Menschen wurden 2015 von der ambulanten Suchthilfe in Stuttgart betreut (Stichtagserhebung 10. Juni). Davon waren 848 im ALG-II-Bezug. Von diesen wiederum sind 202 deutlich leistungsgemindert und haben keinen Zugang zu Beschäftigungsmöglichkeiten über das Jobcenter oder Wohngruppen. Für diese Menschen schafft die Landeshauptstadt Stuttgart gerade ein niederschwelliges Angebot, so Dongus (61 Plätze à 15 Stunden).

Sozialbürgermeisterin verspricht, Beschluss umzusetzen

Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer bei ihrem Grußwort Auch zwei konkrete Beispiele zur Vernetzung von Sucht- und Arbeitslosenhilfe wurden vorgestellt, „Sucht und Beruf“ (Su+Ber) und „Q-Train“ aus Pforzheim. Dabei wurde betont, wie wichtig ein guter Personalschlüssel ist. Außerdem müssten die Klientinnen und Klienten auch nach einem Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt betreut werden.

Schon in ihrem Grußwort hatte die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer betont, dass die Durchlässigkeit von Arbeitshilfen und Suchthilfen Betreuungsabbrüche verhindert. Zwar gäbe es in der Verwaltung auch rechtliche Schwierigkeiten und Ängste, dass man bei rechtlichen Verstößen persönlich in die Haftung genommen wird, so Fezer. „Auf der anderen Seite gibt es eine klare Beschlusslage des Gemeinderates und den werden wir auch umsetzen.“

Beirat des Jobcenters genehmigt AGHs

Am 7. April 2016 hat der Beirat des Jobcenters Stuttgart dafür plädiert, die Arbeitsgelegenheiten für die Kaufhäuser der Neuen Arbeit und das Kulturwerk zu genehmigen.
Diese Entscheidung ist sicherlich auch auf die starke öffentliche Wirkung und Pressearbeit der Pro Arbeit Sozial zurückzuführen.

 

Impressionen zur Pro Arbeit sozial 2016 im Haus der Wirtschaft finden Sie auf der Bildergalerie.




Veranstalter:

caritaszoras-b-rneue-arbeit